Chronik

Familie Julius Blum

August-Bebel-Str. 14 (früher: Ludwigstraße)

Selma Blum (geb.Strauß)
Robert Leopold Blum
Luise Vöhl (geb. Blum)

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In der Ludwigstraße 14 (früher Erbsengasse, heute August-Bebel-Straße) wohnte Julius Blum mit seiner Familie.
Julius Blum wurde am 29.03.1877 in Laubuseschbach geboren. Am 6. August 1906 kam er von Homburg nach Langen. Er hatte sich am 9. Juni mit Selma Strauß aus Langen verlobt und sie am 6. September 1906 geheiratet. Sie hatten zwei Kinder: Robert und Luise.
In der Ludwigstraße 14 betrieb er seit 1908 zusammen mit seinem Schwager Julius Strauß das von seinem Schwiegervater 1874 gegründete  Manufakturwarengeschäft „Herz-Strauß OHG“.
Julius nahm am Ersten Weltkrieg als Landssturmmann teil.

Er starb mit nur 48 Jahren am 25.03.1925 in Langen.  

Selma Strauß wurde am 5. März 1882 in Langen als Tochter des Herz Strauß und dessen Ehefrau Louise, geborene May, geboren. Die Familie Strauß war eine alteingesessene Familie und lebte nachweislich mindestens seit Beginn des 19. Jahrhunderts in Langen (Schutzjude Herz/Hirtz Strauß aus der Obergasse 22).


Nach dem Tode ihres Mannes war Selma Blum von 1925 bis 1934 Teilhaberin des Konfektions- und Textilgeschäfts in der Ludwigstraße 14.

  Selma Blum

Im April 1933 hatte die Reichsleitung der NSDAP zum Boykott gegen die Juden aufgerufen. Die von der Partei organisierten Boykottmaßnahmen dauerten zunächst nur einen Tag. Sohn  Robert Blum, damals 25 Jahre alt, erinnerte sich später:

„Meines Wissens stand da ein SA-Mann vor der Eingangstür zu unserem Geschäft. Soweit ich mich erinnere, fand auch ein Umzug statt“.

Mit ihren Aktionen sorgte die SA dafür, dass auch die Kunden jüdischer Geschäftsleute, die die Judenfeindlichkeit des Regimes nicht teilten, mehr und mehr verschreckt wurden. Robert:

„Unsere Kunden blieben nach und nach aus. Zwar kamen einige noch nachts in der Dunkelheit heimlich in den Laden, aber der Geschäftsertrag ging doch immer mehr zurück“.

  

Die Familien Blum/Strauß konnten ihr Textilgeschäft noch bis 1938 aufrecht erhalten. Allerdings mussten sie erhebliche Ertragsverluste hinnehmen.

Nach Angaben der United Restitution Organization (URO) wurden die Lagerbestände im Wert von 20.000 Reichsmark im Zusammenhang mit dem November-Pogrom 1938 konfis-ziert und die Firma zum 23. Februar 1942 aus dem Handelsregister gelöscht.

Als die Familie Strauß/Blum ihr Grundstück mit Wohn- und Geschäftshaus in der Ludwigstraße 14 im Juni 1938 für nur 13.500 RM veräußern musste, bekam sie dafür gerade die Hälfte des realen Wertes.

Am 12. Oktober 1938 zog Selma nach Frankfurt in die Hermannstraße 25.
Nach dem Wegzug der Familie Blum aus Langen versorgte ihre Langener Nachbarin Frau Oefner sie noch bis 1940 mit Lebensmitteln.

Selma Blum wurde am 11./12. November 1941 im Alter von 60 Jahren bei der zweiten großen Deportation aus Frankfurt in das Ghetto Minsk verschleppt, wo sie ums Leben kam. Laut Gedenkstein am Börneplatz wurde sie im Oktober 1942 deportiert.
Ihr Bruder und Geschäftspartner Julius Strauß konnte emigrieren.

Julius und Selma Blum hatten 2 Kinder:

  

Robert Leopold Blum wurde am 26. Juli 1908 in Langen geboren. 
Am 10. November 1938 wurde er wie viele andere jüdische Männer verhaftet.

Vom 16.11.1938 bis zum 8.2.1939 war er im KZ Dachau interniert. Seine Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau verdankte er der inzwischen erteilten Einreisegenehmigung nach Shanghai. Sie ermöglichte dem Verfolgten die Flucht aus Deutschland zu einem Zeitpunkt, zu dem es für deutsche Juden kaum noch Möglichkeiten zur Emigration gab. Zwei Monate nach der Haftentlassung, am 28.4.1939, wanderte er nach Shanghai aus, wo er in der Folgezeit ebenfalls Krieg und Besatzung miterlebte. 1947 zog er nach San Fransisco, wo er am 26.07.1994  im Alter von 86 Jahren starb.

   Robert Blum

Luise Blum wurde am 11. April 1911 in Langen geboren.
Luise verließ Langen schon sehr früh. Für sie war das Leben in der Heimatstadt seit der Machtübernahme der NSDAP unerträglich geworden. Immer mehr nichtjüdische Bekannte hatten den persönlichen Kontakt zu Selma, Robert und Luise abgebrochen. Man grüßte sie kaum noch auf der Straße.

Luise  erzählt:

„Auf jeden Fall, bis 1933 lebten wir mit unseren christlichen Nachbarn in bestem Einver-nehmen. Wir (Luise und Robert) besuchten die Langener Realschule und hatten unsere Freunde, christliche und jüdische…. Einen gewissen Antisemitismus gab es natürlich immer, aber er war nicht so, dass wir darunter gelitten hätten, man sah darüber hinweg. Es war niemals so, dass ich in der Schule irgendwelche Schwierigkeiten damit gehabt hätte.“

   Luise Blum

Das änderte sich nach der Machtergreifung der Nazis:

„Nach 1933 änderte sich die Lage. Es gab viele, die nicht mehr grüßten oder wegsahen, es gab auch andere, die offensichtlich zu uns hielten.…Doch die ganze Situation war peinlich und erniedrigend. Man war plötzlich ein Ausgestoßener…“

Auch ihr Bruder Robert litt unter diesen Verhältnissen:

„Ein Gruß auf der Straße bestand meistens nur noch in einem verstohlenen Nicken. Es war peinlich, einander zu begegnen; man versuchte daher, sich aus dem Weg zu gehen. Persönliche Zusammenkünfte gab es nach einiger Zeit nicht mehr.“

(Aus der Erinnerungsbefragung, in: Heidi Fogel, Eine Stadt zwischen Demokratie und Diktatur, Langen1983)

Am 19. Juli 1934 wanderte Luise als 23jähriges Lehrmädchen nach Tel Aviv (Palästina) aus. Sie heiratete dort einen Herrn Vöhl.

 
Luise Vöhl, geb.Blum

Fast 50 Jahre später besuchten Luise Vöhl und ihr Bruder Robert Blum ihre ehemalige Heimatstadt. Sie waren der Einladung des Magistrats gefolgt  und weilten 1983 anlässlich des 100jährigen Stadtjubiläums und zum Ebbelwoifest in Langen.

Im Jahr 1935 kam die in Nidda geborene Ilse Bela Sichel als Lehrmädchen in das Geschäft der Familie Strauß/Blum. Ilse Bela Sichel wurde gemeinsam mit Selma Blum am 11./12. November 1941 nach Minsk gebracht. Sie gilt als „verschollen“.