Chronik

Familien Siegfried & Moritz Lazarus

Rheinstraße 6

 

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Die Familie Lazarus war seit mindestens 1819 in Langen ansässig.

Siegfried Lazarus wurde am 12. Mai 1875 in Langen als 3. Kind des Tricotwarenfabrikanten Moses und dessen Ehefrau Johanna, geborene May, geboren. Auch er wird Fabrikant und Kaufmann.

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma M.Lazarus - Rheinstraße 6

  Lazarus, Adele-Jette

Um 1905 heiratete er die am am 4. November 1877 in Würzburg geborene Adele Jette Gombrich. Das Ehepaar hatte drei Kinder - Rosa Erna, Gertrud Fanny und Stephan.

 

   

Rosa Erna Lazarus wurde am 13. März 1905 in Langen in der Rheinstraße 6 als erstes Kind der Eheleute geboren. Sie meldete sich schon am 6. September 1938 in Langen ab und zog nach Frankfurt/M, Niddastraße 6.

Die ledige Rosa Erna Lazarus schied am 20. Mai 1941 vermutlich aus Verzweiflung über die zunehmende Verfolgung durch Freitod aus dem Leben. Ihr Grab befindet sich auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Frankfurt, Eckenheimer Landstraße. Auf dem Namenfries der Gedenk-stätte Neuer Börneplatz ist sie nicht aufgeführt.

   

Gertrud Fanny wurde am 7. Juli 1906 geboren.

Sie lebte  später (Mai 1939)  in Bad Nauheim in der dortigen Jüdischen Bezirksschule in der Frankfurter Straße 103 (wo auch die Langenerin Meta Schloss als Lehrerin arbeitete). Nach Auflösung der Schule zog sie im Frühsommer 1939 nach Frankfurt. Von dort  wurde sie im Mai oder Juni 1942 deportiert  und (vermutlich) im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

   

Stephan, ebenfalls Kaufmann, wurde am 25. August 1907 geboren.

Er wurde am 15.Februar 39 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert, kam aber wieder frei. Sein weiteres Schicksal ist  unbekannt.

  Stephan Lazarus

 In der „Reichskristallnacht“ am 10. November 1938 zerstörten Mitglieder verschiedener NS-Organisationen die Synagoge in der Dieburger Straße. Danach zogen die Gewalttäter in einer Horde durch die Straßen der Stadt, drangen in die Häuser und Wohnungen jüdischer  Bürger ein, demolierten die Wohnungseinrichtungen und misshandelten die Bewohner.

Der Textilkaufmann Siegfried Lazarus aus der Rheinstraße sowie der Altwarenhändler Jonas Bendheimer aus dem Leukertsweg und Isaak Morgenstern aus der Vierhäusergasse, mussten zusammen mit ihren Familien hilflos zusehen, wie die fanatisierte Menge ihre Wohnungen verwüstete.

Eine Woche später, am 15. November 1938 meldete sich die Familie ab nach Frankfurt/M, Rotlintstraße 6. Ihr Haus verkauften sie an Wilhelm Battenhausen. Dieser arbeitete bei der Fa. Lazarus. Er behauptete, dass Stephan ein (verbotenes) Verhältnis mit einem christlichen Mädchen hätte. Durch Zwangsverkauf übernahm er 1938 die Firma.

Noch im November 1938 wurde Siegfried Lazarus verhaftet. Bis zum 15.Februar 1939 war er im KZ Buchenwald interniert, danach kam er zunächst frei.
Am 16. September 1942 wurden Siegfried und Adele nach Theresienstadt deportiert. Adele starb dort am 6. Februar 1943, ihr Mann Siegfried ein Jahr später am 4 Februar 1944.

 

Im Haus wohnte außerdem die Familie von Siegfrieds Bruder Moritz.

Moritz Lazarus wurde am 6. Februar 1876 in Langen als Sohn des Tricotwarenfabrikanten Moses Lazarus und dessen Ehefrau Johanna, geborene May, in der Rheinstraße 6 geboren. 

 

Moritz heiratete um 1905 die am 28. September 1885 in Neuss geborene Hilde Liffmann.

Die Familie wohnte zunächst bei den Eltern in der Rheinstraße 6. 1910 ist Moritz in der Obergasse 3 gemeldet, 1914 in der Bahnstraße 8. Später zog er  wieder zurück in sein Elternhaus in der Rheinstraße 6. Die Familie hatte 2 Kinder - Adolf und Emy.

Hilde Lazarus

Am 15. Juni 1920 starb Moritz Lazarus. Die Liegenschaft Rheinstraße 6 gehörte nun Hilde Lazarus anteilig. Seit 1926 vermietete sie in ihrer Wohnung möblierte Zimmer an (durch-schnittlich) drei Untermieter.

Nach den Boykotten 1933 blieb nurmehr ein Mieter. 1935 gibt sie deshalb  ihre Pension auf. Am 23. Mai 1938 erfolgt der Zwangsverkauf des Hausanteils an den Kaufmann Wilhelm Battenhausen.

Am 29.8.1839 meldet sich Hilde Lazarus nach Frankfurt/M, Mittelweg 46 ab.

Bei der dritten großen Deportation aus Frankfurt am 22.11.1941  wird Hilde laut Deportationsliste nach Riga verschleppt, das bislang irrtümlich als Sterbeort galt und deshalb auch auf dem Namensfries der Gedenkstätte Neuer Börneplatz aufgeführt ist. Der Transport erreichte jedoch seinen ursprünglichen Bestimmungsort nicht und wurde wegen Überfüllung des dortigen Ghettos nach Kaunas (Littauen; auch als  Kowno bekannt) umgeleitet, wo die aus Frankfurt Verschleppten, darunter wahrscheinlich auch Hilde  Lazarus, am 25. November 1941 ausnahmslos ermordet wurden.

Der Sohn  Adolf  war schon am 14. 6. 1927 in Neu-Isenburg durch Freitod aus dem Leben geschieden.

Langener Wochenblatt vom 14.6.1927:

Ein schreckliches Unglück traf die Fam. Lazarus Wwe. hier. Heute Dienstag früh wurde auf der Bahnstrecke zwischen Neu-Isenburg und Buchschlag der 22 Jahre alte Sohn Adolf tot aufgefunden. Er war schrecklich verstümmelt. Der Kopf war vom Rumpf getrennt. Aus Aufzeichnungen geht hervor, daß der junge Mann infolge demnächstiger Arbeitslosigkeit freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Als Todestag hat er den Todestag seines Vaters gewählt.

 

 

Tochter Emy Lazarus wurde am 22.10.1914 geboren. Sie arbeitete als Verkäuferin und  scheint in erster Ehe mit einem Herrn Weiß verheiratet gewesen zu sein.

Am 29.08.1938 meldete sie sich nach Frankfurt/M, Mittelweg ab. Später gelang ihr die Flucht in das US-amerikanische Exil, wo sie offensichtlich noch einmal heiratete. In den Entschädigungsakten wird sie mit dem Namen Emy Hirsch geführt.

 

Besitzverhältnisse im Haus Rheinstraße 6

Baujahr 1886 3 Stockwerke

  • 1906 Lazarus, Siegfried und  Moritz
  • 1921 Lazarus, Siegfried (1/2) und Lazarus, Moritz Ehefrau, geb. Liffmann (1/2)
  • 1938 Lazarus, Siegfried (1/2) und Battenhausen, Wilhelm (1/2)
  • 1939 Battenhausen, Wilhelm